BJO:RN BETON’S ÄTHIOPIEN TAGEBUCH
Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen! BJO:RN BETON’S ÄTHIOPIEN TAGEBUCH
Ich bin mit VIVA CON AGUA nach Äthiopien unterwegs und besuche dort Projekte und Brunnen, die mit den Spenden von euch und uns ermöglicht wurden. Ich bin neugierig zu sehen, was passiert, und möchte die Chance nutzen eine andere Welt kennenzulernen. Wir sind eine Gruppe von ungefähr 15 Leuten, von denen ich nur drei kenne, und werden eine Woche lang mit dem Bus durch Äthiopien fahren.
ZWEI TAGE VOR DER REISE:
Eine Freundin von mir hat nach ihrer Schulzeit ihre Heimat in Äthiopien gefunden und lebt nun schon seit Jahren mit ihrer Familie in Addis. Ich freue mich, sie mal wieder zu sehen und wir werden gleich am ersten abend in Addis zusammen essen und feiern. Es war immer sehr interessant, sie zu treffen, denn ich kenne eigentlich niemanden, der so in beiden Welten zuhause ist: Schwarzbrot und Injera. Wir werden in ein jamaikanisch / äthiopisches Restaurant gehen, in dem ihr Mann Abends als DJ arbeitet. Ich konnte es natürlich nicht lassen und habe mich selbst eingeladen zum an-die-Decks-stellen und auflegen. Ich schätze, es wird dort wohl ne Menge Reggae laufen, habe aber überhaupt keine Ahnung, was für Musik man in Äthiopien so hört. Ich bilde mir ein, dass ich mit Peter Fox und Ronny Trettmann für eine ausgelassene Stimmung sorgen kann. Eigentlich kann ich mir unter sehr vielen Dingen in Äthiopien nur sehr wenig Vorstellen und deshalb gilt, was auf Reisen eigentlich immer gilt: „Das sehe ich, wenn ich da bin.“

Christian von Viva con Agua schrieb in einer Mail etwas von „einzigartigen Landschaften“ durch die wir fahren werden und ich frage mich, ob ich mir etwas schäbig vorkommen muss, weil ich gerade ein paar Folgen meiner derzeitigen Lieblings-Serie auf iPad eingespeist habe. Ist es wohl etwas ignorant auf einer langen Busfahrt auf das Brett zu starren, anstatt die Welt zu bewundern? Vermutlich platzt mir sowieso vor Überfüllung der Kopf. Jedenfalls habe ich auf meinen bisherigen Reisen nie Zeit und Lust gehabt, lange Musik zu hören / Serien zu schauen, oder zu lesen. Es passiert einfach zu viel. (Reisen nach Berlin / Köln usw. mit Fettes Brot zählen nicht). Ich merke aber nicht nur daran, dass ich ununterbrochen allen Menschen davon erzählt habe, dass mich diese Reise schon im Vorwege beschäftigt, und ich mir eine Menge Fragen gestellt habe, die ich mir selbst nicht beantworten kann. Also, her mit den Begegnungen und Erlebnissen, die einzigartigen und anrührend heftigen, die von denen ich den Rest meines Lebens erzählen werde. Ich werde es mit Jethro aus Kapstadt halten, der mich zu dem Thema mal halb belustigt, halb böse angekuckt hat und sagte: „Don’t talk to people you know, talk to people you don’t know.“
Ich packe in meinen Koffer:
– Hose mit Reissverschluss um die Knie (hässlich but nützlich)
– Hut aus Leder (In der Hoffnung wie Indiana Jones auszusehen)
– Abpralljacke (an Gore-Tex prallt eigentlich fast alles ab)
– Season 5 (falls ich die Landschaft schon kenn)
– „Gewehr bei Fuss“ von Ronny Trettmann (wenn nichts mehr geht, dann „You’ll never walk alone“)
– mittelalten Gouda (für meine Freundin in Addis)
– Powerstrips (irgendwo muss das Moskitonetz ja dran aufgehängt werden)
usw.
Was ich gelernt habe:
Nicht über das Impfen rumjammern!
Hab ich. Sorry.
Klar, es war blöd. Die Schultern haben weh getan, ich hatte mehrere Male Fieber, war ca.10 Mal beim Arzt, bin jetzt gegen 13 Krankheiten geimpft und es hat auch noch Geld gekostet, aaaaber ich bin froh, dass ich jetzt diese Krankheiten nicht mehr kriegen kann.
Das ist nämlich nicht überall so.

TAG 1 DIA -SHOWS MIT NGO’S
Wir sitzen im Keller des Welthungerhilfe- Büros in Addis Abeba am ersten morgen nach unserer Ankunft. Die Welthungerhilfe ist eine Partnerorganisation von Viva con Agua die weltweit tätig ist, um die Lebensumstände von Menschen in Entwicklungsländern zu verbessern und hat die Projektreise in Äthiopien mit vorbereitet. War ja auch irgendwie klar, dass der gute Benny Adrion (Gründer von VcA) nicht alles alleine machen kann und so erfahre ich bei eiskaltem Wasser und einer Powerpointpräsentation etwas über die Welthungerhilfe und die Projekte zu denen wir reisen werden. Ich persönlich habe nicht sehr viel Erfahrung in diesen Angelegenheiten und ich habe schon die letzten Wochen vor der Reise gemerkt, dass meine bisherige Einschätzungen recht naiv gewesen sein müssen. Viva con Agua hat es sich zum Ziel gesetzt Menschen in Entwicklungsländern mit sauberen Trinkwasser zu versorgen und eine hygienische Grundversorgung herzustellen. Mir fällt auf, daß es das eine sowieso nicht ohne das andere gibt, denn gibt es keine hygienische Grundversorgung, gibt es eben auch kein sauberes Trinkwasser. Die Profis von den NGO’s (Non Goverment Organisation) nennen das Programm dazu WASH (Water-Sanitation and Hygiene).

Ich lerne: 36 % der Weltbevölkerung (das sind 2,5 Milliarden Menschen (UNICEF/WHO)) haben keine ausreichende hygienische Versorgung und 768 Millionen benutzen kein sauberes Trinkwasser. Ich muss an ein Gespräch mit Freunden denken. Sie konnten sich kaum vorstellen, dsas es heute noch Menschen gibt die nicht wissen dass sie Durchfall haben, weil sie das Wasser trinken in das die Kühe reinscheissen. Die eine Welt der Menschen die es nicht wissen können und die andere Welt derer die es sich nicht vorstellen können, was es alles noch gibt. Crazy World.
Als die Leute der Welthungerhilfe mit dem Briefing fertig sind, haben wir eine Menge über unsere kommenden Ziele gehört. Drei Projekte werden wir in einer Woche besuchen, 1300 km mit dem Bus zurücklegen und vieles von dem in Echt kennenlernen, was für die meisten von uns bisher nur eine der unzähligen Abkürzungen ist, auf den die NGO’s wohl voll abfahren.
Inzwischen ist auch meine Freundin aus Addis aufgetaucht und als wir später am Tag im Minibus auf dem Weg zu ihrem Haus sind, habe ich das Gefühl wir hätten uns erst vor einer Woche getrennt.
Ich höre sie das erste Mal amharisch – die verbreitetste Sprache Äthiopiens – sprechen als sie für uns beide den Bus bezahlt und bin gebührend beeindruckt. Wir unterhalten uns über das „Gentleman“ Konzert, das es vor einem Monat in Addis gab und sie fragt mich über alte Schulfreunde aus. Eine wirklich interessante Mischung. Irgendwie ist alles so wie immer und alles um mich herum so anders.
Das Auflegen im Jameteng, dem Club in Addis bei dem ich als Gast DJ auflegen durfte, war in vielerlei Hinsicht sehr lustig. Inklusive Stromausfall, der mich eiskalt auf dem plötzlich sehr dunklen Klo erwischte und meinen recht angetrunkenen Versuchen, jemandem aus unserer Reisegruppe all das zu vermitteln, was ich über die Rastafari so weiß. Der Superhit des Abends (Major Lazer „Watch out for this (Bumaye)“) und der Geruch des Duftbaums im Club wird für mich immer mit Addis verbunden sein undmorgen geht es eigentlich erst richtig los.

REISETAG 2 UND PROJEKT IN KUTABER TAG 3
Am nächsten morgen konnte ich im Bus leider nicht noch ein, zwei Stündchen Schlaf nachholen, weil ich so damit beschäftigt war, zu staunen und mich an den Verkehr in Äthiopien zu gewöhnen. Bei den Massen, die in Addis unterwegs sind, ist es natürlich erwartungsgemäß üblich alle 5 -10 Sekunden zu hupen, um irgendwie durchzukommen. Was ich allerdings nicht wußte ist, daß es in ganz Äthiopien auf der Strasse sinnvoll ist, mit der Hupe sein Erscheinen anzukündigen. Es sind einfach wahnsinnig viele Menschen und Tiere auf der Strasse.
Einmal dachte ich kurz ein Junge am Strassenrand möchte unseren Bus mit einem Stein bewerfen und wollte schon in Deckung gehen, als ich dann aus dem Augenwinkel sah, daß er als Hirte mit seinem Steinwurf seine Herde vor dem kollektiven Selbstmord auf der Autobahn abhalten wollte. So einen „fürsorglichen“ Aufpasser hatte der Hund, den unser Bus angefahren hatte, leider nicht. Vermutlich passiert so etwas täglich und lässt sich bei den Mengen von Mensch und Tier auf den Hauptverkehrswegen des Landes kaum verhindern. Daß wir den Hund totgefahren haben, beschäftigt mich trotzdem.

Nach einer Nacht im Hotel geht es dann in das ländliche Kutaber mit ca. 15.000 Einwohnern. Kaum ausgestiegen, sind wir schon die Attraktion der Gegend. Yitayew, unser äthiopischer Cheforganisator, bugsiert uns zu dem Communitycenter, in dem gerade als wir ankommen eine Versammlung zu Ende geht und die Vertreter der Gegend (zu erkennen an den Heften und Stiften in der Hand) an uns vorbei schlendern. Mit der Unterstützung von Viva con Agua wurden ein Brunnen gebohrt, ein Pumpenhaus gebaut und ein Wasserreservoir errichtet, welches nun viele Hütten der Gegend mit fliessend Wasser versorgt. Ich lerne: Es gibt ein „Wasser Büro“ und ein dazu gehöriges „Wasserkomitee“. Und auch wenn das Büro nur eine dunkle Kammer in der Lehmhütte des Comuntiycenter ist, vermitteln mir die drei Herren vom Wasserkomitee sofort den Eindruck, daß sie echt was geregelt kriegen. Das Projekt läuft seit geraumer Zeit ohne weitere Hilfe von Viva con Agua und den anderen beteiligten Organisationen und Manfred (Welthungerhilfe) erzählt mir nicht ganz ohne Stolz, daß die Dorfgemeinschaft letztes Jahr als die Pumpe defekt war, beschlossen hatte, einem Abgesandten vom Wasserkomitee eine Fahrkarte nach Addis zu kaufen um dort ein Ersatzteil für die Pumpe zu besorgen. Es läuft.

Ich bin das erste Mal in einem Entwicklungsland und zudem auch noch auf dem Lande und so bin ich, genau wie ich auch erwartet hatte, hin und her gerissen zwischen dem Schock darüber, daß die Bauern so unglaublich ärmlich leben und der Bewunderung über soviel Initiative und Energie bei der Verbesserung der Lebensumstände. Ich bleibe dabei, ich bin nicht losgefahren um Mitleid zu haben, sondern um mich über den Fortschritt zu freuen.
Das Pumpenhaus und das Reservoir liegen auf der einen Seite des Tals, der Brunnen auf der gegenüberliegenden und so durchwandern wir gemeinsam mit dem Wasserkomitee ein riesiges Feld. Wir sind im Hochland und die Landschaft ist nach der kleinen Regenzeit fruchtbar und grün, so daß man, wenn man die Augen halb schließt und sich umschaut, meinen könnte, man ist bei Tolkiens „Herr der Ringe“ gelandet.

Meinem Motto („don’t talk to people you know, talk to People you don’t know!“) treu folgend rede ich mit Ibrahim, der, wie sich herausstellt, der Sohn von einem Mitglied des Komitees ist. Er spricht recht gut Englisch und ich frage ihn, ob er mal den Job seines Vaters übernehmen möchte, woraufhin er mir erzählt er würde gern ein Fotograf sein und er hofft, dass er bei einer guten Uni genommen wird. Auf meine Frage ob er denn nach seiner Ausbildung wieder zurück in sein Heimatdorf kommen möchte, lügt er mich höflich an, genau wie ich ihn, als es um das Lesen in der Bibel geht. Wir freuen uns über die gute Latrine der armen Bauernfamilie, und Ibrahim redet mit Lukas aus unserer Reisegruppe über den Wirtschaftstheoretiker Adam Smith. Gegensätzlicher geht es ja kaum noch. Eigentlich müsste ich mich wundern, aber ich bin zu sehr damit beschäftigt einer missmutigen Kuh Platz zu machen.
TAG 4 IN KOBO TOWN, MITTAGS, HALB EINS
Es geht wie bisher immer um 7:30 los. Unser Frühstück an einer Tankstelle nennt sich Ful und besteht aus Tomaten, Bohnen, Zwiebeln und scharfen Gewürzen. Den jungen Mann im Khaki-Hemd kennen wir schon vom Vorabend – er hatte uns mit einer „Nerven-Massage“ gerettet. Was war passiert?

Die Fahrt am Tag zuvor dauerte etwas länger als geplant und als die Sonne sich innerhalb einer Viertelstunde plötzlich verabschiedete, wurde es immer stiller im Bus. Tagsüber ist das Autofahren in Äthiopien schon ein Abenteuer, aber nachts ist es noch um einiges komplizierter, denn die oftmals herrenlosen Tiergruppen laufen immer noch herum und natürlich sucht man Fahrbahnmarkierungen oder Leitplanken vergebens. Mein Sitznachbar stöhnt wahlweise auf oder schnappt geschockt alle paar Minuten nach Luft. Unser Busfahrer kennt das ganze natürlich und meistert die Lage extrem gelassen. Als er an einer Tanke anhält, strömen wir für ein paar Minuten aus dem Bus und lernen dort den Khaki-Hemd-Mann kennen, der nicht nur Verwandte in Nürnberg hat, sondern uns mit reichlich Bier versorgen kann. Ein Held! Unsere letzten Kilometer bis zum Hotel wurden nun zu keiner harten Nervenprobe mehr, denn mein Sitznachbar und ich hatten beim Bier mit dem Verlauf der aktuellen Fussballsaison und dem Umbau der Nordtribüne genug wichtigen Gesprächsstoff, um nicht mehr auf den Verkehr zu achten.
Wir fahren heute nach Kobo, einer Stadt mit 40.000 Einwohnern und besuchen das Dorf Queyu Gara, in dem mit der Hilfe von Viva con Agua eine Versorgung mit Trinkwasser und eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse aufgebaut wurde. Es ist das zweite Projekt, das ich besuche, und es war mir schon auf der Reise dorthin aufgefallen, dass es in einer komplett anderen Klimazone liegen würde. Das hier sah viel mehr nach dem aus, was sich die meisten Deutschen unter Äthiopien vorstellen würden, nämlich Steppe und eine eher karge Pflanzenwelt. Es war sicher nicht das, was Geologen als Wüste bezeichnen würden, aber mir war schnell klar, dass hier nicht viel wachsen würde.
Als erstes besuchten wir die Schule, wo sich auf dem Schulhof zwischen Fahne und einer Panzergeschosshülse, die als Schulglocke dient, die Schüler in Reihen aufgestellt hatten. Sie sangen ein Lied über das Händewaschen. Das mag im ersten Moment für uns vielleicht komisch klingen, ist aber wahrscheinlich ein guter Weg ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es eben keine Wasserverschwendung ist. Wir singen „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, weil es einzige Lied ist, was alle spontan singen können. Bei der Erklärung, wovon das schöne Lied handelt, verheddere ich mich fast. Aus dem Rotlichtviertel wird kurzerhand ein Vergnügungsviertel. Ging gerade noch mal gut.

Ich unterhalte mich mit Tefera, der in Kobo dazu gestiegen war und zu den Organisatoren des Projektes gehört. Auf dem Weg zum Wasserkiosk, an dem die Dorfbewohner, die noch keinen Anschluss in ihrer Hütte haben, ihr Wasser beziehen können, erzählt er mir, dass die Menschen der Gegend vor dem Brunnenbau etwa drei Stunden über den hinter uns liegenden Bergkamm wandern mussten, um Wasser zu holen. Oftmals ist das der Job der Kinder, denn die Eltern haben auf dem Feld und beim Vieh genug Arbeiten zu verrichten. Und so gingen die Schüler, die ich gerade hatte singen hören, bis vor ein, zwei Jahren noch mit einem 25 Liter-Kanister vormittags zum Wasserholen anstatt in die Schule. Wasser bringt Bildung.
Die Menschen hier sind organisiert und man merkt, dass es eine funktionierende Dorfgemeinschaft gibt, die es sich natürlich auch nicht nehmen lässt, uns nach dem Rundgang freundlich zum Essen einzuladen. Und so sitzen wir unter einem Wunderbaum, freuen uns über die Getränke und essen aus Angst vor Durchfall erst nur ein wenig – aber aus Höflichkeit dann doch etwas mehr. Die Dorfältesten sprechen kein Englisch und so fällt das Gespräch beim Essen flach, aber wir lachen trotzdem. Ich, weil ich es hier toll finde, und die Alten, weil sie sich wundern, was der Quatsch soll, die Flaschen vorm trinken gegeneinander zu stossen. Eine Geste, die der grinsende Mann mit dem Lederhut ihnen unaufhörlich anbietet.
TAG 5 LALIBELA
Der 5.Tag unserer einwöchigen Reise durch Äthiopien war für ein Trip nach Lalibela vorgesehen und obwohl es ein klassische Touristenattraktion ist, habe ich dennoch viel über das Land und die Leute dabei erfahren.
Laut Wikipedia leben in dem Land 33,9 % Muslime und 43,5 % Christen und es scheint dabei (was in den Nachbarländern nicht überall der Fall ist) ziemlich friedlich zuzugehen. Lalibela ist für die Christen ein Pilgerort und zu christlichen Feiertagen muss in der Kleinstadt ganz schön was los sein, denn es kommen Tausende, um die in den Fels hineingeschlagenen Kirchen zu sehen, um zu beten und um sich mit heiligem Wasser beträufeln zu lassen. War mir vieles in Äthiopien schon unbekannt so ist die Welt der Priester in Lalibela mir völlig fremd. Ich kann mir kaum vorstellen wie die Leute im 12/13. Jahrhundert diese Bauwerke in Stein gekloppt haben und es dauerte ja auch hundert Jahre (und daß, obwohl Nachts Engel kamen um mit zu helfen, so wird es berichtet ) bis mehrere davon als eine Art nachgebautes zweites Jerusalem entstanden waren. Unser Fremdenführer hat es ziemlich gut raus, ein gute Mischung aus biblischen Episoden und Abenteuergeschichten abzuliefern. Als einer aus unserer Gruppe ihm erzählt, daß er mal am Berg Ararat war (das ist der Berg, auf dem Noah mit der Arche auf Grund lief) fragt er ganz interessiert nach, wie denn das Schiff jetzt aussieht. Humorvoll. Dann erzählt er, daß Frauen mit Kinderwunsch einmal im Jahr nackt in ein Becken voller schwarzer Brühe hinabgelassen werden. Ob das hilft wage ich persönlich zu bezweifeln. Die Priester nicht.

In einem Buch von einem Deutschen der in Äthiopien lebt hatte ich gelesen, wie verbreitet und beliebt heilendes oder heiliges Wasser in Äthiopien ist. Nicht immer ist es wirklich hilfreich. Viele stehen bei Heilern Schlange um Krankheiten mit religiös aufgeladenen aber eventuell dreckigem Wasser zu behandeln, die sie vielleicht mit sauberem Trinkwasser gar nicht erst bekommen hätten.
Es sind an diesem Tag noch 330 km zurückzulegen, also heisst es wieder ab in den Bus und und glotzen.
Michael sollte natürlich recht behalten als er mir vorher etwas von „atemberaubenden Landschaften“ schrieb. Ich habe auf der bisherigen Reise nicht eine Minute daran gedacht, meine derzeitige Serie zu schauen. Es passt irgendwie auch nicht. Ich sitze einfach nur da und schaue aus dem Fenster. Stundenlang. Ich möchte so viel wie nur irgend möglich aufsaugen und fühle mich damit sehr gut unterhalten.
Am Abend erreichen wir Bahir Dar, die Stadt am Tana See, und damit steigen natürlich meine Malaria Sorgen. Ich habe mich eingesprüht, die Wände abgesucht, gelauscht und unter dem Netz geschlafen, aber ich habe nicht eine einzige Mücke gesehen. Den Spuren an der Wand nach zu urteilen ist das nicht immer so aber es freut mich. Wir gehen essen und man merkt das Bahir Dar eine touristische Stadt sein will. Es gibt Fussgängerwege und Mittelstreifen mit Palmen, eine Art Strandpromenade mit Restaurants und einen wundervollen Garten am See. Der knusprig frittierte Fisch schmeckt und das St. George Bier auch. Im Hotel, dass direkt im Vergnügungsviertel liegt läuft Fussball. Ich fühl mich pudelwohl und beschliesse, noch in eine der Bars zu gehen, aus denen ziemlich lautes Getrommel kommt um das mal mit dem Smartphone aufzunehmen, werde freundlich beäugt und verschwinde dann auf mein Zimmer im Hotel. Noch bevor ich denken kann, dass ich normalerweise bei dem Getrommel nicht schlafen kann, bin ich eingepennt.

TAG 6 UND TAG 7 BAHIR DAR UND WIEDER ADDIS
Wir sind in Bahir Dar, der drittgrössten Stadt Äthiopiens am Tana See im Norden des Landes mit schätzungsweise bis zu 400.000 Einwohnern und nach einem scharfen Hirse Frühstück steigen wir in die für uns organisierten weissen Jeeps mit den „No Weapons“ Aufklebern. Bahir Dar ist im Verhältnis zu den anderen Städten und Dörfern recht modern aufgestellt. Asphaltierte Strassen im Schachbrett Muster, eine schöne Uferpromenade und sogar ein Flughafen sollen sagen, wir sind auf kommende Touristen bestens vorbereitet. Der Blaue Nil und die Nilfälle locken Reisende an und eventuelle Jobs die Landbevölkerung. Hier in der Stadt sind die Anforderungen an die Organisationen (Viva con Agua / Welthungerhilfe und ORDA aus Äthiopien) mit denen wir hier unterwegs bin ganz anders als auf dem Land. Ist es vielleicht das Richtige auf dem Lande, Brunnen zu bohren, Wasserreservoirs zu bauen und den Menschen beizubringen wie man diese Anlagen am Laufen hält, so ist es in den immerzu wachsenden Städten zum Beispiel wichtiger, öffentliche Toilettenhäuser zu bauen.

Es kommen täglich neue Bewohner in die Stadt, viele davon direkt in die ständig anwachsenden Slums. Landflucht ist ein großes Thema in Äthiopien. Die Stadt ist in den letzten Jahren um das doppelte gewachsen. Der Plan für heute sieht einige Stops vor und der erste ist das städtische Krankenhaus in dem es eine Biogas Anlage gibt. Das heisst aus organischen Abfällen entsteht beim Verfaulen Gas das man nutzen kann. Klingt gut. Ich hab das alles gar nicht so richtig mitgekriegt denn als wir ausgestiegen sind, war ich so vertieft in ein Gespräch über Musik, doch als wir dann plötzlich neben den Toiletten an der blubbernd und stinkenden Bioabfall Stelle stehen, realisiere ich wo ich gerade bin. Das Krankenhaus ist ein trauriger Ort. Der Ort an dem ich die meiste Verzweiflung gesehen habe. Die Menschen wollen nicht dorthin und wollen so schnell wie möglich wieder weg. Ich denke, dass sich Krankheiten wie Cholera hier eher verbreiten, als dass sie bekämpft werden. Wir stehen neben zwei Latrinen mit Torf, ohne eine Handwaschmöglichkeit für über 400 Patienten. Wie soll das gehen? Wie kann das sein? In dem Wissen wie Krankheiten übertragen werden, müssten doch wenigstens die Ärzte hier aufschreien und für hygienischere Toiletten sorgen. Hier wird man noch kränker als man schon ist, wenn man hier ankommt.
Ich soll was Schlaues sagen, als Iris ihre Kamera auf mich richtet. Ich rede irgendein Quatsch, merke das und dreh mich weg. Die Biogas Anlage interessiert mich nicht, die Zustände hier sind einfach zu heftig. Es ist genauso wie man es sich vorstellt, wenn man darüber nachdenkt, nur noch schlimmer. Dass was ich hier erlebt habe werde ich nie mehr vergessen, allerdings immer im Glauben an eine bessere Zukunft. Kloss im Hals. Auf dem Weg zu den Jeeps bin ich wahnsinnig traurig, doch schon als wir losfahren, schlägt die Traurigkeit in Wut um. Ich denke, was sollen die beschissenen Palmen auf dem Mittelstreifen und die neu angelegten Fußgängerwege, wenn die Stadt es nicht schafft, ein einigermaßen hygienisches Krankenhaus zu betreiben. Hier könnte das wenige Geld doch viel besser eingesetzt werden. „Minister of Beautyfication“ gibt es. So ein Scheiss. Wie sind die denn drauf, dass ihnen die Strandpromenade wichtiger ist, als das Leben der armen Schlucker in dem Dreckloch? Ist wohl eine Art, damit fertig zu werden. Irgendwann habe ich mich dann wieder eingerenkt. Ich merke, dass ich auch gar keine Ahnung von Stadtmanagement habe. Ich weiß auch nicht, wieviel Geld der Tourismus dieser Stadt bringt und finde das es mir auch nicht zu steht, darüber ein solches Urteil zu bilden. Ich will mich hier gegenüber den Einheimischen auch nicht als Mister Superschlau aufführen und die Leute tun sicher ihr Bestes. Verdammt vernünftig, aber so ganz geht die Wut nicht weg.
Ich hatte beim Essen in einem sehr schönen Restaurant am See das unsere Organisatoren ausgesucht hatten, natürlich mit diesen krassen sozialen Unterschieden zu kämpfen. Ich kann nur sagen, dass es eine Weile dauert sich selbst moralisch zu sortieren. Und erst nach dem ich mich entschieden hatte, schmeckte mir das Essen wieder. Eine solche Reise macht was mit einem.
Wir fahren weiter. Das frisch renovierte öffentliche Toilettenhaus, das demnächst an die Bewohner des Viertels übergeben wird und die kleine Schule am Stadtrand machen uns wieder ein wenig Mut. Jacob hält auf dem Schulhof unter dem großen Baum (ganz Klischee) für alle versammelten SchülerInnen eine kleine Rede. Er arbeitet für ORDA und macht viel an Schulen zum Thema Hygiene. Das Theaterstück, was uns dargeboten wird, ist natürlich schwer zu verstehen, aber ich glaube, dass der Hund vor Gericht steht, weil wegen „an Scheisse riechen“ und „die Katze ist Zeuge“ oder so ähnlich.

Am beeindruckendsten ist ein ganz einfaches Metallschild mit einer einfachen Zeichnung. Es ist ziemlich simpel dargestellt, wie sich Keimeverbreiten, beziehungsweise mit welchen Regeln man das verhindern kann. Kinder, die mit diesem Wissen groß werden, sind sicher viel gesünder. Irgendwie bin ich wohl davon ausgegangen, dass dieses einfache Know How allen Kindern dieser Welt beigebracht wird, aber das ist leider nicht so. Es bleibt also festzuhalten, dass Brunnen bauen nicht die einzige sinnvolle Aufgabe von Viva con Agua ist. Eigentlich wollte ich auf der Rückfahrt den fröhlichen Jacob fragen, ob es nicht ziemlich frustrierend ist hier zu arbeiten, wo doch ständig neue Probleme auftauchen, aber der Besuch bei den klugen Kindern in der Schule erklärt das von selbst.

Der nächste Morgen soll der letzte in Äthiopien für uns sein, denn wir fliegen mit Ethiopian Airlines heute vormittag nach Addis und mitten in der Nacht geht unsere Rückreise nach Hamburg los. Auf dem Weg in Richtung Flughafen halten wir bei der Zentrale von ORDA wo wir den Vorsitzenden in seinem Büro treffen. Er ist ein wirklich unterhaltsamer Redner und strahlt trotz aller Widrigkeiten einen unglaublichen Optimismus aus, so das ich fast geneigt bin ihm zu glauben das in ein paar Jahren alle Probleme des Landes gelöst sein werden. Aber
wahrscheinlich braucht es auch genau solche unerschütterlichen Grinsekatzen um Leute mitzureissen. Inklusive dem drögen norddeutschen Skeptiker mit dem Lederschlapphut. Ich freue mich auf Addis und darauf meine dort lebende Freundin noch mal wieder zu treffen und denke auf der Fahrt zu dem absurd einsamen Flughafen, dass ich gern noch mal nach Bahir Dar reisen möchte. Mit der leisen Hoffnung, dass ich positive Veränderungen erleben kann. Das würde mich freuen.
TAG 7 UND RÜCKKEHR IN HAMBURG
Schon am Flughafen in Addis hört Afrika auf. Wir sind mit unserer Reisegruppe mitten in der Nacht am Flughafen angekommen und sofort hat uns der internationale Reiseverkehr in eine andere Welt katapultiert. Eine Woche lang sind wir mit dem Bus durch Äthiopien gefahren und haben verschiedene Wasser- und Hygiene-Projekte besucht. Ich bin mit der Band im Auftrag der Musik viel unterwegs gewesen und habe einige Länder auf ganz verschiedene Weise kennenlernen dürfen, aber diese Reise war ganz anders als das, was ich bisher erlebt habe. Heute morgen war ich noch in Bahir Dar, in einer Welt zwischen den ärmlichsten Slums und den hoffnungsvollsten Helfern und nun geht es über Addis Abeba, wo wir den heutigen Tag verbracht haben, wieder zurück in unsere Heimat.

Ich nutzte den letzten Tag um ein paar Einkäufe zu machen und meine Freundin aus Addis war so nett mir dabei zu helfen. 20 CDs, Kaffee und vor allem wollte ich eins dieser äthiopischen Nationalmannschaftstrikots haben, die ich so oft auf der Strasse gesehen hatte. Das sollte sich aber als gar nicht so einfach herausstellen, denn mit den Originalen konnte man bei den Strassenverkäufern nicht rechnen und das 35 Dollar teure Trikot der Marke „Abubas“ (!?) stand mir irgendwie nicht. Aber es sollte sich als gar nicht schlimm herausstellen. Wir waren auf der Suche nach den Trikots der „Walyas“ (die „Steinböcke“ – Spitzname der Nationalmannschaft) in einer feineren Hotellobby gelandet. Leider gab es sie in den kleinen Geschäften im Hotel auch nicht und so wollten wir gerade wieder gehen, als wir an einer Wand vorm Laden ein paar Ölbilder sahen, die mir augenblicklich gefielen. Es waren Bilder von genau dem Künstler den ich schon zuvor bei Manfred von der Welthungerhilfe in seinem Haus gesehen hatte und sie sahen genau so aus wie Addis in meiner Erinnerung sein würde. Das beste Mitbringsel. Gute Erinnerung.
Wie staubig ich war, habe ich erst bei mir zuhause im Wohnzimmer festgestellt. Wie müde ich war, auch. Trotzdem habe ich den Daheimgebliebenen sofort ganz viel erzählen wollen. Und das tue ich auch jetzt noch. Reisen bildet. Und eine Reise die einen dahin führt wo man mit einem Pauschalurlaub nicht hinkommt erst recht. Ich bin beeindruckt von der Arbeit der Helfer vor Ort und von der „Grinsekatze“ Benny Adrion, der die Idee zu Viva con Agua hatte. Ich war auf viele neue Eindrücke gefasst und es fühlt sich natürlich trotzdem ganz anders an, wenn man sie dann erlebt, doch möchte ich diese Erfahrungen nicht missen und hier in meiner Welt auch von den positiven Veränderungen erzählen.
Nun ich habe alles aufgeschrieben, was ich wollte, und so bleibt mir nur noch übrig einmal ganz laut „DANKE!“ an alle zu sagen, die diese Reise möglich gemacht haben und mit dabei waren.
